de zero hasta cerro

„Wenn mein Geld für das neue Ticket nicht reicht, werde ich versuchen ein paar Klamotten hier zu verkaufen, damit ich länger bei meiner Tochter bleiben kann.“ sagt Antay der Peruaner zu mir, als wir am Bahnhof beim Warten ins Gespräch gekommen sind. Mein Bus war 2 Stunden zu bald (vielleicht hätte ich das an das Gremium der Weltwunder weiterleiten sollen) und seiner 2 Stunden zu spät angekommen, sodass er seinen Anschluss nach Cordóba in Argentinien verpasste. Dort wartet seine Tochter auf ihr Geburtstagsgeschenk und ihren Vater, der die Hälfte seiner Ersparnisse für ihren Unterhalt abtreten muss. Selbst hat er ein kleines Zelt dabei, das er auf einem bescheidenem Stück Wiese außerhalb der Stadt aufschlagen will. „So kann ich mit dem gesparten Geld was Schönes mit meiner Tochter unternehmen.“

Ich lausche seiner von Akzeptanz geprägten Stimme und blicke auf sein Gepäck: Ein Rucksack voller Kleidung zum Verkauf, einer mit persönlichen Sachen, ein Zelt und daneben die größte Tüte mit einem Barbieschloss für seine Tochter. Herzerwärmend, bedrückend.

In Santiago hatte ich das Privileg 6 Tage in der kleinen Wohnung von Mauro, einem Workaholic, den ich in Mendoza kennengelernt hatte, zu hausen. Sein momentanes Lebenswerk: Eine Company, bei der es darum geht Menschen zu vernetzen. Braucht jemand Hilfe bei einem bestimmten Projekt, findet Mauro die passende Person. Die Kernidee ist es, ohne den Fluss von Geld, Dinge möglich zu machen. Man legt einen Avatar auf der Website an, beschreibt was man kann (gelernte Professionen, Talente, etc) und gegebenenfalls was man sucht. So kann ein Kreislauf aus perönlich ausgeübter Unterstützung entstehen.

Wie sehr die Menschen in Südamerika im Hier und Jetzt leben, begeistert mich aber stellte meinen deutschen Pünktlichkeitsdrang auf die Probe. Sie sagen „ich mach dann los“ und meinen, wir sehen uns in einer Stunde 🙂

Wenn Mauro und ich uns nicht in einem unserer zahlreichen und tiefsinningen Gespräche verloren, unternahmen wir etwas mit Almut (einer in Chile lebenden Deutschen) und ihrem Freund Pato. In Santiago gibt es mehrere Cerros (Hügel), die einen unglaublichen Ausblick aus die Stadt ermöglichen. Auf Santa Lucías Spitze angekommen, verschlug es mir den Atem. Santiago ist eingekesselt von teilweise schneebedeckten Bergen, was man als winziger Mensch zwischen den glänzenden Hochhäusern kaum erkennt. An solchen Orten fängt man erst richtig an nachzudenken…

Nicht weit von Santiago liegt Valparaíso, gerne als kulturelle Hauptstadt Chiles bezeichnet. Hier landeten die reichen, dem Ruf des Goldes gefolgten Europäer auf dem Weg nach Californien, um eine Pause einzulegen. Bunte Gässchen, schnuckelige Geschäfte und versteckte Besonderheiten formen den kleinen, ursprünglichen Kern der Stadt. Dank der Wally Free Walkingtour und C.J., unserem übermaßen sympathischen Tourguide, konnten wir gut informiert durch die Sträßchen wuseln, erhielten die besten hausgemachten Alfajores (chilenische Keks-Delikatesse) von Don Serjio, lernten einen befreundeten Streetartisten kennen und bekamen einen persönlichen Einblick in das Leben der lieblichen Stadt.

Innerhalb von 23 Stunden durchfuhr ich das langgestreckte Land mit tollem Ausblick auf die Landschaft Chiles, sinnierte glückselig über meine Reise und erwachte am nächsten Morgen in der Wüste: San Pedro de Atacama.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.